Selbstportrait Uschi Waser (2025)

Uschi Waser: Wut als Wille zur Aufklärung

Text: Willi Wottreng

Sie gehört zu den Frauen, die Schmerz, Wut und Empörung in Kraft und Mut verwandeln, um sich zu behaupten und um zu bekräftigen: Ja, ich bin eine Jenische. Ich möchte, dass die begangenen Ungerechtigkeiten anerkannt werden. Und dies, obwohl ihr Standpunkt ihr manchmal Unverständnis einbrachte, auch seitens der Jenischen.

Uschi Waser gehört zu den jenischen Frauen, die Schmerz, Wut und Empörung in Kraft umwandeln: in den Mut nämlich, hinzustehen und zu sagen: Ja, ich bin eine Jenische. Ich will, dass begangenes Unrecht anerkannt wird. Und das, obwohl sie mit ihren Ansichten auch bei Jenischen gelegentlich auf Unverständnis stösst.

Sie hat eine üble Heimkarriere hinter sich. Geboren 1952 in Rüti ZH. Uneheliches Kind einer jenischen Händlerin aus dem Geschlecht der Kollegger. Vormundschaft der Pro Juventute. Verschiedenste Heimstationen. Erziehung durch Nonnen, denen jedes pädagogische Verständnis gefehlt habe. Pflegefamilie. Langjähriger Missbrauch durch den Stiefvater, der schliesslich vom Gericht «mangels Beweisen» frei gesprochen wird. Manchmal wollte sie nicht mehr leben.

Im Alter von 19 Jahren heiratete sie einen Jenischen, der im Wohnwagen lebte. Das war ihre Sache nicht, sowenig wie hausieren. So zogen die beiden in eine Wohnung. Ursula war eben anders aufgewachsen. Unter Jenischen empfand sie sich als «Fremdkörper». Im Heim hatte sie Damenschneiderin gelernt. Doch lieber verdiente sie ihr Geld mit anderen Tätigkeiten, etwa im Büro der Bürstenfabrik Walther, wo sie an der Schreibmaschine mit den Tücken der Rechtschreibung kämpfte. «Sie haben uns um die Bildung betrogen», kommentiert sie.

Ihrer Tochter verbot sie, in der Öffentlichkeit über die Herkunft zu sprechen. «Sie sollte nicht leiden müssen wie ich in meinem Leben.» Nach dem zweiten Kind absolvierte sie eine Ausbildung, um als Krankenpflegerin in der Nacht arbeiten zu können.

Ein prägendes Erlebnis war, als die Regierung auf Druck der Öffentlichkeit beschloss, die Pro-Juventute-Akten den Betroffenen zugänglich zu machen. Was Uschi Waser darin 1989 über ihr Leben fand, brachte sie fast um den Verstand.

Doch trotz den Krisen fasste sie den Entschluss, fortan die Öffentlichkeit über das Geschehene aufzuklären. Es dürfe sich einfach nicht mehr wiederholen. Das war auch der Grund, warum sie ihre Lebensgeschichte einer Historikerin in allen Einzelheiten erzählte.

Nach dem Schock der Aktenlektüre konnte sie nicht mehr zurück in den Pflegeberuf. So machte sie eine weitere Ausbildung als Spielgruppenleiterin. Und sie liess sich in den Vorstand der Organisation «Naschet Jenische» wählen. Dies heisst auf jenisch: steht auf Jenische. Es ist eine Stiftung, die sich eben um die Belange der von der Aktion «Kinder der Landstrasse» Betroffenen kümmert. Bald war Uschi Waser deren Präsidentin. Liebenswürdig, wie sie im Umgang oft erscheint, dabei klug und hartnäckig, hatte sie als Frau oft einen schweren Stand, doch scheut sie sich nicht, auch Jenische zu kritisieren: «Als die Jenischen sogenannte Wiedergutmachungsgelder erhielten, sind manche einander noch das Leiden neidisch geworden». Gleichzeitig hält sie fest: «Damit hat man die Jenischen vollends zu Bettlern der Nation degradiert.»

Trotz Widerständen blieb Uschi Waser bei ihrem Engagement bis zur Gegenwart. Als Delegierte der nationalen Minderheit der Fahrenden ist sie auch in der «Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende» tätig.

Beruflich leitet sie Spielgruppen. Vor zehn Jahren heiratete sie zum zweiten Mal. Wenn etwas an die alte Kultur der Fahrenden erinnert, dann vielleicht ihre Tierliebe. So bietet sie heute den Umgang mit Lamas zu touristischen und therapeutischen Zwecken an.

Die Lebensgeschichte einer Jenischen

Uschi Wasers Biographie: «Reden, um nicht zu ersticken» von Silvia Süess

Die Verfolgung der Jenischen in der Schweiz ist ein »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Zu diesem Schluss kommt im Februar 2025 ein im Auftrag des Eidgenössischen Departements des Innern erstelltes Rechtsgutachten. Von 1926 bis 1973 wurden über 600 jenische Kinder vom »Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse« ihren Familien unter dem Vorwand, sie vor einem liederlichen Leben zu retten, entrissen. »Kinder der Landstrasse« war eine Aktion der Stiftung Pro Juventute, durchgeführt mit Unterstützung der Behörden.

Das wegweisende Rechtsgutachten ist dem jahrzehntelangen Kampf der Betroffenen zu verdanken. Eine von ihnen ist Uschi Waser. Als Kleinkind wurde sie ihrer jenischen Mutter weggenommen. Sie wuchs in unzähligen Heimen auf, wo sie Gewalt und Demütigung erlebte. Erst mit über dreißig Jahren erfuhr sie, dass hinter ihrer leidvollen Kindheit und Jugend die Stiftung Pro Juventute stand. Als sie ihre Akten las, brach sie zusammen.

Reden, um nicht zu ersticken zeigt anhand ihrer Lebensgeschichte, mit welcher systematischen Grausamkeit »Kinder der Landstrasse« gegen Familien vorging und welche Folgen das für die Betroffenen bis heute hat. Zugleich erzählt das Buch von einer Frau, die unermüdlich um Rehabilitiqerung und Gerechtigkeit kämpft.

Text: Rotpuntverlag

BUCHVERNISSAGE

  • 20.02.2026 18:00 – 21:00 Uhr Historisches Museum Bern: Buchvernissage und Abschlussveranstaltung zur Ausstellung «Vom Glück vergessen. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Bern und der Schweiz»
  • 05.03.2026 19:00 – 21:30 Uhr Paulus Akademie Zürich 

LESUNGEN VON USCHI WASER & SILVIA SÜESS

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