Die Aktion «Kinder der Landstrasse»

Zwischen 1926 und 1973 nahm die Stiftung Pro Juventute in Zusammenarbeit mit den Behörden fast 600 Kinder aus jenischen Familien ihren Eltern weg mit dem Ziel, die Kinder zu sesshaften und – in damaligen Worten – «brauchbaren» Menschen zu erziehen. Zu diesem Zweck gründete sie das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse». Die von der Pro Juventute despektierlich als «Vaganten» bezeichneten Familien und Kinder kamen hauptsächlich aus vier Kantonen, rund die Hälfte aus Graubünden. Die betroffenen Kinder wurden in Pflegefamilien, meist aber in Heimen und Anstalten untergebracht. Viele von ihnen erlebten schwere Formen von Gewalt. Den Eltern wurde auf Veranlassung der Pro Juventute von den zuständigen Behörden das Sorgerecht entzogen. Weniger schwere Eingriffe in die Familie erachtete die Pro Juventute zum Vorhinein und generell als aussichtlos. Jahrzehntelang wehrten sich jenische Eltern erfolglos gegen die Wegnahme ihrer Kinder. Erst mehrere kritische Presseartikel, die zu Beginn der 1970er Jahre erschienen und in denen Betroffene zu Wort kamen, bewirkten eine öffentliche Empörung und 1973 das Ende der Aktion «Kinder der Landstrasse».

Zwar anerkannte der Bund das Vorgehen der Pro Juventute und die staatliche Beteiligung am «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» 1986 als Unrecht. Lange unbeantwortet blieb jedoch die Frage, ob die systematischen Wegnahmen von Kindern aus jenischen Familien zum Zweck der Assimilation als «kulturellen Genozid» bezeichnet werden können. 2024 gab der Bund auf Begehren der Jenischen ein völkerrechtliches Gutachten in Auftrag. Dieses im Februar 2025 veröffentlichte Gutachten gelangt zum Schluss, dass es sich nicht um einen «Genozid» handelt, aber sehr wohl um ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit», da die Menschenrechte schwerwiegend verletzt worden sind. Der Bund anerkannte die juristische Einordnung und bedauerte das bei den Jenischen verursachte Leid. Welche Konsequenzen die staatliche Anerkennung hat, ist aber noch weitgehend offen. Unbestritten ist, dass die weitreichenden Folgen für die Betroffenen bis heute andauern und auch für nachkommende Generationen traumatisierende Auswirkungen haben.