«Wir mussten 40 Jahre lang kämpfen»

08. Aprile 2026

Die Verfolgung der Jenischen und Sinti im Rahmen der Aktion «Kinder der Landstrasse» ist vom Bundesrat als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt worden. Doch die Aufarbeitung beginnt damit erst, sagt Ludovic Gerzner von der Union der Vereine und der Vertreter der Schweizer Nomaden

ref.ch News der Reformierten/ Heimito Nollé

Herr Gerzner, im Februar letzten Jahres hat der Bundesrat die Verfolgung der Jenischen und Sinti als «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» eingestuft. Als nächstes muss das Parlament darüber beraten. Wie wichtig ist diese Anerkennung für die Jenischen und Sinti in der Schweiz?
Sie ist ein bedeutender Schritt. Bereits in den 90er Jahren forderten Vertreterinner und Vertreter der Jenischen und Sinti, die Aktion «Kinder der Landstrasse» als Völkerrechtsverbrechen einzustufen. Wir mussten also 40 Jahre lang kämpfen, um das zu erreichen. Die Anerkennung ist eine Zäsur, nun kann eine vertiefte Aufarbeitung beginnen.

Dem Anliegen Ihrer Organisation, die Verfolgung als Genozid einzustufen, wurde allerdings nicht Genüge getan.
Das Rechtsguthaben des Bundes erkennt bestimmte genozidäre Handlungen wie etwa Zwangssterilisationen an, sieht insgesamt aber keine Absicht zur physischen Vernichtung. Darum ist die Verfolgung laut Bericht nicht als Genozid einzustufen. Andere Juristinnen und Juristen erkennen eine solche Absicht aber sehr wohl.  Doch auch ohne den Genozid-Begriff bleibt die Verfolgung ein schweres Völkerrechtsverbrechen. Wir wollen diesen Entscheid nicht anfechten, fordern jedoch weitere Massnahmen.

Welche?
Die Schweiz muss nun ihren politischen Willen zeigen, dieses Verbrechen aufzuarbeiten. Es braucht verbindliche Massnahmen, um Jenische und Sinti zu rehabilitieren. Dazu fordern wir die Einrichtung einer unabhängigen Kommission, die einen Versöhnungsprozess nach dem sogenannten Joinet-Prinzip einleitet.

Worum handelt es sich dabei?
Dieses Prinzip geht auf die Grundsätze zurück, die der Franzose Louis Joinet 1999 für die damalige UNO-Menschenrechtskommission entwickelt hat. Es beruht auf vier Säulen: dem Recht auf Wahrheit, dem Recht auf Gerechtigkeit, dem Recht auf Wiedergutmachung und dem Recht auf Nichtwiederholung. Die Schweiz hat bereits in anderen Ländern Versöhnungsprozesse nach diesem Verfahren geleitet. Nun geht es darum, es auf die eigene Geschichte anzuwenden.

Wie ist der aktuelle Stand?
Inzwischen hat sich eine Dialoggruppe mit Vertreterinnen und Vertretern der Jenischen und Sinti, des Bundesamts für Kultur und der Fachstelle für Rassimusbekämpfung gebildet. Im Juni soll dann ein Bericht mit konkreten Vorschlägen an Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider gehen.

Als Fahrender erleben Sie die Vorurteile gegenüber den Jenischen und Sinti hautnah. Hat sich in den letzten Jahren daran etwas geändert?
Die Vorurteile bestehen weiter. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer «Nomadophobie», einer Abneigung gegenüber unserer nomadischen Lebensweise. Bei vielen Menschen kommen Vorurteile und Ängste hoch, sobald sie eine Gruppe von Wohnwagen sehen. Aber wir sind Menschen wie alle anderen, man braucht vor uns keine Angst zu haben. Es gibt auch einen strukturellen Rassismus, der sich etwa in behördlichen Schikanen äussert.

Inwiefern?
Auf den Stellplätzen sind wir übermässig vielen Polizeikontrollen ausgesetzt. Oft kommt es vor, dass wir weggewiesen werden. Für mich hat das weiterhin Züge einer Verfolgung. Auch polizeiliche Aufrufe, nichts bei fahrenden Händlern zu kaufen, sind für uns eine wirtschaftliche Bedrohung. Mir sind zudem Vorfälle bekannt, bei denen die Polizei Autobahnausfahrten blockiert hat, damit die Fahrenden ihre Stellplätze nicht erreichen konnten.  Unsere Rechte als Jenische werden in vielerlei Hinsicht nicht geachtet – selbst wenn ich auch hilfsbereite Polizisten erlebe.

Was müsste geschehen, damit solche Vorurteile verschwinden?
Das beginnt schon in der Schule. Die Geschichte der Jenischen und Sinti muss im Schulunterricht endlich einen Platz bekommen. Heute ist es so, dass Schülerinnen und Schüler so gut wie nichts über unsere Geschichte erfahren. Zudem würde ich mir wünschen, dass Polizei und Behörden aktiver nach Lösungen suchen, statt uns einfach wegzuweisen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Jenischen und Sinti in der Schweiz?
Wir möchten, dass wir als Teil der Schweizer Bevölkerung wahrgenommen werden und unsere Kultur anerkannt wird. Dass die Leute sehen: Wir gehören genauso dazu und tragen viel zur Schweizer Kultur bei. Und natürlich ist es für uns wichtig, dass wir frei reisen können und genug Platz zum Leben haben.

Zur Person

Ludovic Gerzner ist Jenischer und Sekretär der Union der Vereine und der Vertreter der Schweizer Nomaden (UVVSN). Die Organisation setzt sich dafür ein, die nomadische Lebensweise der Schweizer Jenischen und Sinti zu unterstützen und zu erhalten. In der Schweiz leben gegen 50’000 Jensiche sowie einige Hundert Sinti. Seit 1998 sind sie als nationale Minderheit anerkannt.